Start > Ausstellungen > Die Jugend der Moderne. Art Nouveau und Jugendstil – Meisterwerke aus Münchner Privatbesitz

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Die Jugend der Moderne: Der Katalog

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation bei ARNOLDSCHE Art Publishers, herausgegeben von Margot Th. Brandlhuber und Michael Buhrs. Sie enthält Textbeiträge von Margot Th. Brandlhuber, Graham Dry, Martin Eidelberg, Alfred Ziffer, einen Tafelteil, detaillierte Einträge zu jedem Objekt, Biographien und Ausführungen zu den vertretenen Künstlern und Manufakturen im Umfang von ca. 500 Seiten. Die Publikation ist zum Preis von € 45,00 im Museumsshop erhältlich.


Interview mit einem Sammler (Auszüge aus dem Katalog)

Die wenigen Sammler des Art Nouveau fühlten sich als Pioniere. Es war äußerst reizvoll, unentdeckte Künstler, Datierungen und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kunstrichtungen neu zu entdecken. Wie bei einer Schatzsuche gab es eine Menge unentdeckter Kostbarkeiten, die nur darauf warteten, gehoben zu werden. Jeder neue Katalog, jede einschlägige neue Publikation wurde von den Sammlern dieser Zeitepoche mit großer Ungeduld erwartet. Die darin enthaltenen neueren Forschungsergebnisse gaben neues Rüstzeug, um verborgene Stücke zu finden, die andere noch nicht richtig klassifiziert hatten, weil nicht jeder alle neuen Publikationen lesen konnte – schon gar nicht die Händler vom Flohmarkt. Der Wissensvorsprung war Gold wert. Je mehr das Art Nouveau Revival sich herumsprach, je mehr Leute darüber schrieben, desto höher stiegen die Preise. Die Kunst des Sammelns lag darin, keine Abstriche bei der Qualität zu machen.

Mein Ziel war es, eine in den 1960er und 1970er Jahren noch häufig belächelte Kunst- und Kulturepoche durch deren Kunstwerke wieder aufleben zu lassen. Im Laufe der Zeit wurde lediglich der Fokus etwas verschoben, ausgeweitet. Zu Porzellan aus Skandinavien kamen Keramiken aus Frankreich, später auch Skulpturen, Glas und Metallkunst, aber auch Druckgrafik aus dieser Epoche. Angeregt durch die bei der Olympiade in München von Hans Wichmann 1972 gezeigte Ausstellung „Weltkulturen und Moderne Kunst“ und aufgrund meiner zahlreichen beruflichen Japan-Reisen wurde der Einfluss Japans auf den Art Nouveau deutlich, sowohl in Frankreich als auch in England.

Für mich spielt die Provenienz von Sammlungsstücken eine sehr große Rolle. Ich schätze Dinge, die sich früher im Besitz namhafter Sammler oder Händler befanden (etwa von Bob Walker, Dr. Gerhard Woeckel, Manoukian, Barlach Heuer, Prof. Kurt Liebermeister oder Prof. Siegfried Wichmann) – vor allem, wenn ich diese Menschen persönlich kennen lernen durfte. Nicht allein, dass diese Dinge bereits von Kennern mit ausgeprägt gutem Sammlergeschmack ausgewählt waren, vielmehr zeigt sich in dieser Vorliebe auch eine irrationale, emotionale Komponente, die die Erinnerung an geschätzte, häufig bereits verstorbene Personen dokumentiert und symbolisiert. Ebenso zogen mich Kunstwerke an, die entweder nachweislich in Ausstellungen aus der Zeit ihrer Entstehung, vorzugsweise auf der Weltausstellung 1900 in Paris, waren oder über die beiden Avantgarde-Galeristen Siegfried Bing und Julius Meier-Graefe in Paris verkauft wurden – dies war mir sowohl Nachweis einer herausragenden Qualität als auch Bestätigung dafür, dass deren Entstehung aus der von mir bevorzugt gesammelten frühen Zeitspanne stammt; die Galerien von Bing und Meier-Graefe existierten beide nur bis kurz nach 1900.

Nicht verwunderlich ist, dass der Jugendstil aus München in meiner Sammlung eine wichtige Rolle spielt. Im Unterschied zu den Jugendstil-Strömungen anderer deutscher Zentren wie Berlin oder Darmstadt ist der Münchner Jugendstil von einer ganz besonderen Prägung und Qualität. Die organische, vegetabile Stilart, die die Möbel und Keramiken von Riemerschmid oder die Metallarbeiten von Vierthaler bzw. die Arbeiten der Debschitz-Schule (z.B. bei Obrist) prägt, findet sich in dieser Ausgestaltung nirgendwo anders. Charakteristisch für München kurz vor 1900 sind die kräftigen Farbkompositionen mit nahezu psychedelischen Farbstellungen, wie sie beispielsweise auch die leider durch Hitler zerstörte Fassade des berühmten Fotoateliers Elvira in der heutigen Von-der-Tann-Straße schmückten. Ähnlich gewagte Farbkompositionen, in Farbstellungen, die an Plattencover und Plakate der Hippie- und Pop-Art-Kultur aus den 1970er Jahre erinnern, tragen manche der kurz vor 1900 entworfenen Jugendstil-Porzellanservice der Manufaktur Nymphenburg. Da sich solche farbigen Stilmerkmale anderswo in Deutschland nicht finden, war es mir wichtig, diese Künstler prominent zu berücksichtigen.

Der Sammler kämpft stets, wenn man so will, gegen die naturgesetzliche stetige Zunahme der Unordnung (Entropie) des Weltalls an. Der Sammler ordnet zerstreut vorliegende Gegenstände und versucht, ein wenig Ordnung und Systematik in die von ihm gesammelten Dinge zu bringen. Schon die Ansammlung von Objekten des gleichen Künstlers verringert die entstandene Unordnung und Zerstreutheit seiner Kunstwerke. Doch das ist eine sehr philosophische oder astrophysikalische Betrachtungsweise. Die etwas banalere psychologische Betrachtung sieht den Sammler als eine nahezu zwanghafte Persönlichkeit mit der Obsession der Sammelleidenschaft.

Die Frage nach der Zukunft der Sammlungen ist ungewiss. Viele Sammlungen wurden nach dem Ableben des Sammlers über Auktionen oder Händler in alle Winde zerstreut. Der Sammler Benedict Silverman schreibt im Vorwort zu seiner hervorragenden Jugendstil- und Art-Déco-Sammlung im November 1988: „Wir sind alle nur kurzzeitig Bewahrer der Kunst, die wir lieben – von Werken, die lange vor unserer Zeit existierten und die dazu bestimmt sind, uns für lange Zeit zu überleben.“