Start > Ausstellungen > Ricochet #1. Cris Koch. 343 m/s - 14. Januar bis 14. März 2010

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Katalog zu »RICOCHET #1«

Die Publikation RICOCHET #1, 343 m/s. Cris Koch, herausgegeben vom Museum Villa Stuck, enthält Textbeiträge von Martin Heindel und Anne Marr sowie ein Interview von Jochen Flinzer mit Cris Koch.
deutsch/englisch (Übersetzungen: Bram Opstelten).
Zahlreiche farbige Abbildungen, 48 S.
ISBN 978-3-86678-389-8
€ 15,-

Katalogpräsentation am Donnerstag, 4. März 2010, 20.00 Uhr
Anlässlich des Erscheinens des Ausstellungskatalogs spricht die Journalistin Evelyn Pschak mit dem Künstler Cris Koch über sein Werk, die Musik und das Leben.
Evelyn Pschak lebt als freie Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin in München. Ihre Beiträge zur zeitgenössischen Kunstszene erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, im ARTinvestor oder auf artnet.de.

Anschließend sorgt Barbara Streidl von Bayern 2, Zündfunk, für musikalische Untermalung.


Auszug aus dem Katalog: Kapitel von Martin Heindel, das sich dem Mythos von Cthulhu widmet.

SIE KAMEN VON DEN STERNEN,
UND SIE BRACHTEN IHRE BILDNISSE MIT SICH.

Name
Cthulhu

Geburtstag
unbekannt (vor Äonen)
Geburtsort
extraterrestrisch (eigentlich extradimensional)

Körpergröße
richtig groß

besondere Kennzeichen
Flügel auf dem Rücken, Tentakel im Gesicht

Muttersprache
unbekannt

Familienstand
ledig

Verwandte
Azathoth, Nyarlathotep, Shub-Niggurath, Yog-Sothoth u. v. a.

Mitgliedschaft in Parteien und Vereinen
Die Großen Alten

Hobbys
Welten vernichten. Sieht gerne Zivilisationen beim Untergang zu.

derzeitiger Aufenthaltsort
Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.
In seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der große (tote) Cthulhu.

Lebensmotto
Die größte Gnade auf dieser Welt ist, so scheint es mir, das Nichtvermögen des menschlichen Geistes, all ihre inneren Geschehnisse miteinander in Verbindung zu bringen.


Anmerkungen

Howard Phillips Lovecraft (1890–1937), der Kopernikus der Horrorgeschichte, ließ den Großen Cthulhu in nur einer Geschichte tatsächlich auftreten: Cthulhus Ruf (1928). Dass der Namensgeber dieser als Dokument inszenierten Geschichte dennoch zu einiger Berühmtheit gelangte, liegt vor allem an dem nach ihm benannten Cthulhu-Mythos.
»Dieser Mythos postuliert eine Rasse fremdartiger Götter und grotesker vorgeschichtlicher Völker, die immerzu ihren Schabernack mit Zeit und Raum treiben und in die zeitgenössische Welt einbrechen, gewöhnlich irgendwo in Massachusetts.« Wenn man es weniger boshaft formulieren möchte als Edmund Wilson, ein ehemals berühmter Literaturkritiker, dann erzeugt Lovecrafts Schöpfung wiederkehrender kosmischer Quasi-Gottheiten eine beklemmende Kohärenz. Denn der Cthulhu-Mythos verhält sich zu Lovecrafts zahlreichen Horrorstorys ähnlich wie die Erzählungen der griechischen Sagenwelt zu den Tragödien des antiken Theaters. Er bildet die Folie, vor deren Hintergrund das Geschehen seinen Lauf nimmt. Während die antiken Dramatiker den Mythos bei ihrem Publikum aber als bekannt voraussetzen konnten, weiß Lovecrafts Leser zunächst nichts über die »urzeitlichen Mythen von den Alten Wesen, die angeblich von den Sternen herabgekommen waren und das irdische Leben zum Spaß oder aus Versehen erzeugt hatten«. Aber dank vager Andeutungen und mit Hilfe fiktiver verbotener Bücher, wie dem Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred oder den Unaussprechlichen Kulten von de Junzt, ist der Leser schnell informiert. Er weiß, was kommt, und er soll es wissen. Nach der Devise »Es hilft alles nichts, ich muss reden« legt der Erzähler los. Zwischendurch tief Luft holend und das Ungeheuerliche der jeweils folgenden Passage betonend, führt er den Leser mit quälender Langsamkeit an die »labyrinthischen Abgründe[n] von Zeit und Raum und unbekannten Dimensionen« heran.
Diese zum Teil ermüdend oft wiederkehrenden erzählerischen Muster fügen sich aber, dank der Erfindung eines detailliert imaginierten Hintergrunds in Neuengland – wie das berühmte Arkham, Sitz der Miskatonic-Universität – vor allem aber dank der einenden Kraft des Mythos, zu einem textübergreifenden, intertextuell verwobenen Ganzen.
Die vielen nach Innen gerichteten Verflechtungen und Valenzen stabilisieren den Lovecraft’schen Kosmos und geben ihm eine gewisse Eigengesetzlichkeit, die, gemeinsam mit den losen Enden im Gewebe des Mythos, seine Offenheit nach Außen gewährt und zu unzähligen Über- und Weiterschreibungen in allen Bereichen der unterhaltenden Kultur geführt hat.


Medienpartner:
Bayern 2 Zündfunk mucbook