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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

11. November 2010 bis 23. Januar 2011

Ricochet #4. Ahmet Öğüt
Wherever I go I see your shadow behind me

Als vierte Position der Ausstellungsreihe »RICOCHET« präsentiert das Museum Villa Stuck Arbeiten von Ahmet Öğüt (geb. 1981 in Diyarbakir, Türkei, lebt in Amsterdam). Zuletzt waren die Werke des Künstlers in der Kunsthalle Basel 2008, im Türkischen Pavillon der Venedig Biennale 2009 sowie in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig 2010 zu sehen.

In Begebenheiten, Symbolen und Ereignissen, die Alltag geworden sind, entdeckt Öğüt jene Dimensionen, die im erhöhten Tempo der Moderne vergessen oder unterschlagen wurden: Sein Werk offenbart die gewalttätige Homogenisierung von kollektivem Gedächtnis und Geografie des Raumes, die ihrer Dynamik innewohnt. Mit den Mitteln von Ironie, Humor und Übertreibung, oft jenseits der Grenze zum Absurden, konstruiert er eine eigene Version der Historie, in der kleinen und vielfältigen Geschichten Vorrang zukommt. In den Lücken der großen Erzählungen findet Öğüt das Potential, aus dem seine Kunst die Kraft zu ihrem eigentlichen Projekt schöpft – die Befreiung der Erinnerung aus den Fängen der komatösen Einseitigkeit eines kollektiven Gedächtnisses. Seine vielseitige Bildsprache umfasst Zeichnung, Fotografie, Film und Installation, die Auswahl des Mediums entspringt dem zugrunde liegenden Thema. Öğüts Archäologie des Verdrängten unterliegt nicht den vereinheitlichenden Gesetzen wissenschaftlichen Forschens. Als Künstler ist Öğüt ein Sammler, ein Reisender, der findet und bewahrt. Sein Blick auf die Dinge und ihre Vielfalt ist organisch, er speist sich aus Literatur, Film und Philosophie. In Öğüts Spiel enthüllt sich die Fiktionalität des Realen.

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Die Installation Exploded City (2009) ähnelt einer Spielzeugstadt. Tatsächlich ist das Architekturmodell ein globales, dreidimensionales Archiv, das Gebäude wie Fahrzeuge versammelt, die weltweit in den letzten zwei Dekaden Ziel eines Terroranschlages wurden. Im ironischen Spiegel enthüllt Öğüt die Topografie des Terrors, zugleich die zerstörerische Gewalt von Utopien. Exploded City ordnet sich, als Parodie, wie schon viele Stadtvisionen zuvor, nicht nur ein in die jahrhundertealte Suche nach der »idealen Stadt«, in den unauflöslichen Zusammenhang von Architektur und Utopie. Mit dem begleitenden Text zu Exploded City fügt Ahmet Öğüt den berühmten Miniaturen Italo Calvinos über die Unsichtbaren Städte (1972) ein weiteres Kapitel hinzu: Exploded City ist eine Stadt, in der an die alten Gesetze nur noch die Fantasie erinnert. Aber auch die Zukunft ist schon Vergangenheit – die Zeit steht still. Exploded City ist das Zerrbild einer urbanen Utopie, durchzogen von einer Melancholie des Innenhaltens, ähnlich jener aus Chris Markers berühmter Sciene-Fiction-Montage La Jetée (1962). Der Hoffnung Anlass gibt allein die Erinnerung. Oder, wie es in den letzten Zeilen von Calvinos Werk heißt: »suchen und erkennen, zu lernen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum geben – liegt ihre Hoffnung in Erinnerung und Erkenntnis.«

Guppy 13 vs Ocean Wave (2010) ist dem holländischen Konzeptkünstler Bas Jan Ader gewidmet, der seit einer Atlantiküberquerung im Rahmen seiner Performance In Search of the Miraculous (1975) verschollen ist. Der Kurzfilm ist keine Hommage an den verschwundenen Künstler, eher eine Art künstlerischer Heimholung. Unter dem Namen »Guppy 13« läuft ein Boot selben Typs, wie jenes, mit dem Ader verschwand, rückwärts in den Hafen von Amsterdam ein. Auch die Musik läuft rückwärts. Freiwillige konnten Bas Jan Aders Erfahrung als Reise rückwärts mit reduziertem Risiko antreten. Das Boot, eine Replik, die der Künstler in Illinois auftat, wurde gestohlen, ebenso Aders posthum aufgefundenes Original. Öğüts Erinnerung an das Projekt von Bas Jan Ader in Guppy 13 vs Ocean Wave verschiebt dessen Traum selbst, gemäß der illusionären Devise aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften – »Zurückkehren zu einem Punkt, der vor der falschen Abzweigung liegt!« Einer romantisch inspirierten, modernen wie maßlosen Suche nach dem Erhabenen im Anderswo begegnet der Film mit dem Bild der Heimkehr.

Grenzen und ihre Überschreitung rücken auch im Künstlerbuch On the Road to Other Lands (2008) ins Blickfeld. Im Format eines deutschen Reisepasses birgt das Buch ein Sammelsurium privater Devotionalien, von Fotografien bis hin zu Geldscheinen aus verschiedenen Ländern, ebenso wie die Werbeslogans der Bundesdruckerei, auf deren Papier es gedruckt wurde – »Legalität für alle Länder«. In On the Road to Other Lands zeigt sich nicht nur der Wunsch nach einer komplexeren und persönlicheren Definition von Identität als jener, die staatlichen Behörden zu eigen ist, sondern auch das Modell von Öğüts künstlerischer Intervention. Die ästhetischen Manipulationen des falschen »Passes« bringen die normierende Wirkung staatlicher Papierprodukte sowie nicht eingelöste Versprechen der Autoritäten ans Licht. Ahmet Öğüt betreibt die Offenlegung der Strukturen aus den Objekten selbst heraus, von innen, in dem er einen den »chronischen Strukturen« selbst innewohnenden Sinn oder eine Möglichkeit hervorkitzelt: das Implizite wird explizit. Die meist anekdotenhafte Form von Öğüt's reger Bildproduktion bewahrt den ausgebildeten Maler vor dem Abdriften in erneute Einseitigkeit und Ausschließlichkeit. Das Künstlerbuch Today in History (2007) versammelt Zeitungsartikel, deren Skurrilität die Mythen einer linearen Modernisierung in der Türkei in Zweifel ziehen, etwa den eines Mannes, der in in jahrelanger Heimarbeit selbst einen Ferrari gezimmert hatte, den er aufgrund der Straßenverkehrsordnung dann nicht fahren durfte.

Öğüt nützt Scheitern und Unvollständigkeit, um jenem Teils des Charakters sozialer Phänomene auf den Grund zu gehen, der als Fiktion, nicht als Realität gilt. Mit Humor und Ironie bringt er ihn zurück an die Oberfläche. Die Irritationen, die seine Werke hervorrufen, helfen nicht nur bei der Neujustierung des Blicks, sondern auch bei der Überwindung der Traumata, die die moderne Einseitigkeit hervorruft. Der eigenen Erinnerung kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. The Pigeon-like Unease of my Inner Spirit (2009) ist der radikalste Versuch Öğüts, dieser zu ihrem Recht zu verhelfen: In der Performance erstellte die blinde Malerin Devorah Greenspan ein Bild von Hrant Dink, getrennt von sämtlichen Mythen, auf der die öffentliche Bildproduktion zum Tode des Menschenrechtlers basierte. Für das Publikum wird das Bild im abgedunkelten Raum nur partiell und mit Hilfe von Taschenlampen erschließbar, so auch in Öğüts Ausstellung im Museum Villa Stuck. Es ist die vermeintliche Leerstelle, der die Aufmerksamkeit des Künstlers gilt. Er schiebt sie vom Rand ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Es geht um das, was scheinbar aus Raum und Zeit gefallen ist. Öğüt ersetzt die gewohnte Ordnung der Museen durch seine eigene. Getreu seinen Werken ist diese anzusiedeln zwischen Tragik und Komik und der festen Überzeugung, dass Kunst mit Erfahrung beginnt. Diese gibt er an die Besucher weiter.

Der Künstler Ahmet Öğüt steht nicht nur in jener Tradition des Museums Villa Stuck, die sich urbanen Diskussionen und Entwürfen widmet, von Bodys Isek Kingelez Extremen Modellen im Jahr 2002 bis hin zu vielfältigen Reflexionen über das Verhältnis von Architektur und Avantgarde. Er steht auch in der Tradition des Hausherren selbst. Auch durch das Werk von Ahmet Öğüt ziehen sich Elemente und Verbindungsglieder, Spuren und Pfade, die sich erschließen lassen, fast wie ein Rätsel oder ein Spiel. Im Gegensatz zu Franz von Stuck ist das Ziel aber nicht die Perfektion. Im Herzen des Gesamtkunstwerkes von Ahmet Öğüt steht sein eigenes Programm – Mut zur Lücke!

Medienpartner:
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Eine Ausstellung des Museums Villa Stuck. Kuratorin: Verena Hein