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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

22. Juli bis 26. September 2010
Ricochet #3. Hito Steyerl

Das Museum Villa Stuck präsentiert die erste Einzelausstellung von Hito Steyerl in München im Rahmen der Reihe "RICOCHET". In ihren Filmen untersucht die 1966 geborene Künstlerin, die in Berlin lebt, das komplexe Spiel von Fiktion und Wirklichkeit, das gesellschaftliche Realitäten konstituiert: sie verarbeitet Elemente des Dokumentarfilms, der experimentellen Filmpraxis und der Videokunst zu filmischen Analysen der Gegenwart. Die Arbeiten Hito Steyerls, die für die Präsentation in der Villa Stuck ausgewählt wurden, changieren zwischen Montage und Demontage, an der Schnittstelle zwischen Film und Bildender Kunst. Die Collage November ist ein Film über Steyerls Freundin, Andrea Wolf, die sich in den 1990er Jahren als Kämpferin der kurdischen Guerilla-Organisation PKK anschloss und 1998 in der Osttürkei getötet wurde. In der abstrakt gehaltenen Arbeit The War According to eBay demontiert Steyerl Amateurfotografien aus dem Zweiten Weltkrieg von deren digitalen Wasserzeichen, die sie auf eBay zum Schutz vor illegalem Download erhalten. Die Arbeiten der Künstlerin verweigern sich der Möglichkeit einer kompletten Rekonstruktion: die Annäherung an das, was gewesen ist, erschließt sich über Fragmente, Schnipsel und Bruchstücke.

Der Essay November reflektiert Posen und Ikonen im Zeitalter weltweiter Reproduzierbarkeit und übergreifender Beeinflussung der Genres als „reisende Bilder“. Mit ihrer Jugendfreundin Andrea Wolf als Hauptdarstellerin drehte Hito Steyerl Anfang der 80er Jahre ihren ersten Film auf Super-8, einen femi-nistischen Martial-Arts-Film in der Formensprache des damaligen Genrekinos. November rekonstruiert assoziativ den Weg der Freundin, die 1998 in den Bergen Kurdistans starb, weil sie sich mit symbolischer Praxis nicht begnügen wollte und posthum zum Symbol der Revolution, zu ihrer „Märtyrerin“ wurde. Das Andenken an die Freundin gerät Hito Steyerl, der gelernten Filmemacherin, zur komplexen Analyse der vielfältigen Überlappung von Fakten und Fiktionen im gesellschaftlichem Diskurs wie in der Praxis - zur Reflexion, wie in der Konstruktion des Authentischen Elemente aus dem Reich der Illusion mit Posen zur inszenierten Wirklichkeit von Pin-Ups, Helden- und Heiligenbildern verschmelzen.

Die filmische Montage von Exploitation-Kino, Territorialpolitik und Geschlechterforschung ist angelehnt an den Stil der Subkultur der beginnenden achtziger Jahre. Sie bleibt dem Gegenstand treu, den sie untersucht: sie ist selbst ein Dokument der vielfältigen Verschiebungen und Transformationen, die sich in vormals getrennten Kategorien der Kultur ergeben haben. In einer Welt unklarer Grenzziehungen kommt den Strategien der Dokumentation eine entscheidende Rolle zu. Hito Steyerl untersucht die Fassaden der wechselseitigen Inszenierungen im Kampf um die öffentliche Gunst, ihre Technik, ihr Kalkül, ihre Kunst. In November konfrontiert sie das Statement der türkischen Regierung, Andrea Wolf lebe noch, mit dem Poster, das die PKK von ihrer toten Freundin geschaffen hat.

Auch The War According to eBay gilt den Fragen von Erinnerung und Dokumentation, dem wachsenden Markt von Amateur-Fotos deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg bei eBay. Die dargestellten Szenen schwanken zwischen Langeweile, Routine und Gräueltaten. Um urheberrechtliche Ansprüche zu unterstreichen und besonders grausame Szenen zu verschleiern, fügen eBay-Anbieter den Bildern verschiedene Markierungen hinzu. Anhand der frei-gestellten, abstrakten Wasserzeichen untersucht die Künstlerin die Wahrnehmung der ursprünglichen Ereignisse unter den Bedingungen globaler Kommerzialisierung. Als abstrakte Zeichen verweisen die Prägungen auf Leerstellen in der kollektiven Erinnerung, in denen Abbilder vom „Alltag“ des Krieges und seiner Verbrechen als Teil eines weltumspannenden Marktes zu einem entstellten historischen Archiv mutieren.

Die ausgestellten Arbeiten sind Wasserzeichen von Fotografien, die Bezug nehmen auf Soldatinnen der sowjetischen Armee im Widerstand gegen die deutsche Besatzung, die sogenannten „Flintenweiber“. Das zwischen Sex und Gewalt angesiedelte Zerrbild der NS-Propaganda gab aber auch den deutschen Titel für den amerikanischen Frauenwestern The Dalton Girls von 1957.

In November und The War According to eBay entwirft Steyerl ein faszinierendes Panorama, in dem die Frage nach der Frau als Heldin im Zentrum steht, ihre Rolle im Krieg und Terrorismus, der Zusammen-hang von Geschlecht und Gewalt. Eine Frage, die seit dem Aufkommen der Heldinnen in der Popkultur und der vielen Protagonistinnen im Terrorismus der 70er Jahre an öffentlichem Interesse gewann. Neu ist die Frage aber nicht - auch Franz von Stucks „Amazone“ ist ein „Flintenweib“.

Nach einer Präsentation im Neuen Berliner Kunstverein 2009 ist die Einzelausstellung im Museum Villa Stuck die zweite der Künstlerin und Filmemacherin in einer deutschen Institution. Vorher stellte Steyerl ihre Arbeiten unter anderem bei der 3. berlin biennale (2004), der Manifesta 5 (2004), der Documenta 12 (2007) oder der Shanghai Biennale (2008) vor. Aktuell und parallel zur Ausstellung in München zeigt das Henie Onstad Art Center in Oslo eine Auswahl von Steyerls Arbeiten.

DIE ARBEITEN IN DER AUSSTELLUNG:

 

Medienpartner:
Bayern 2 Zündfunk mucbook

Für die freundliche Unterstützung der Ausstellung danken wir
WWTF