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Abbas Akhavan

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Die Aufhebung von Innen- und Außenraum geht in Akhavans künstlerischer Praxis einher mit Fragen nach Gastfreundschaft (hospitality) und Feindseligkeit (hostility), er macht die Grenzezwischen Inklusion und Exklusion sichtbar. Durch das Pflanzen einer Hecke im Ausstellungsraum wird dies ebenso spürbar, wie durch einen Brunnen oder durch ein Deckengemälde, das die zerstörerische Kraft eines Feuers beschreibt, welches sich in Rauchspuren an der Decke abbildet. Ein Fragment der Löwenkralle der assyrischen Gottheit Lamassu formt der Künstler aus Erde.

Das Blaue Schild, das die UNESCO im Jahr 1954 entwickelte, um erhaltenswerte Kulturdenkmäler zu kennzeichnen und damit in Zeiten des Krieges zu schützen – auch an der Fassade der Villa Stuck findet sich dieses Schild – wird vom Künstler vergrößert und auf die Wand gemalt, von dort ausgeschnitten, so dass eine Lücke sichtbar ist. Das ausgeschnittene Schild selbst ist auf einem Balkon der Villa Stuck zu sehen und damit nur aus der Luft. Akhavan bezieht sich mit Study for a Blue Shield (2010/2017) auf die drohende Bombardierung des Irak Museums durch US-Streitkräfte im Jahr 2003. Die dortigen Angestellten malten das Blaue Schild mit Farbe auf das Dach, um Luftangriffe zu verhindern.

Eines der Hauptwerke ist eine für die Ausstellung neu konzipierte Skulptur. Lamassu ist der Name assyrischer Gottheiten, die an Eingängen von Tempeln als Wachfiguren aufgestellt wurden. Die Mischgestalt mit dem Körper eines Löwen (oder Stiers), mit Adlerflügeln und menschlichem Kopf sollte Kraft, Intelligenz und Wendigkeit verkörpern. Eine bedeutsame Lamassu-Skulptur stand beispielsweise im Mossul-Museum und wurde durch die Kriegshandlungen des sogenannten »Islamischen Staates« im Februar 2015 zerstört. Aufzeichnungen der Zerstörung wurden medial verbreitet und belegen diesen Bildersturm. Das Fragment der Kralle der assyrischen Gottheit wird in der Ausstellung reproduziert. Akhavan stellt es nicht in Stein her, sondern verwendet die Methode des »earth ramming«, eine Technik, in der Erde mit Wasser vermischt wird und durch Verdichtung härtet. Der vergängliche Charakter des Kunstwerks steht dem Anspruch des Bewahrens der zerstörten Skulptur gegenüber. In den Worten Akhavans ist es ein verletzliches, gegenwärtiges, organisches Werk (»a vulnerable / present / organic piece«).

Im Kuppelsaal der Villa Stuck versinnbildlicht ein monumentales Deckengemälde die Zerstörung durch Feuer, das scheinbar außerhalb des Museums wütete. Die Spuren dieses Feuers, Rauch und Ruß, dringen durch die geöffneten Fenster ein, setzen sich an der Kuppel fest, an manchen Stellen heller, an anderen dunkler. Die Tradition von Deckenfresken, der Blick in himmlische Sphären, die von Heiligen, Engel und Putten bevölkert sind, ist für Akhavan Referenz. Doch steht der schwarze Ruß nicht nur für die Zerstörung durch ein vernichtendes Feuer, die Hölle, sondern für ihn folgt dem Brand Regeneration und neues Leben. Akhavan fragt auch nach der Aufgabe und der Verantwortung des Museums. Ausstellen, Vermitteln und Bewahren sind Entscheidungen darüber, was und wovor es geschützt wird. In Akhavans Worten: Das Museum kann zum Zufluchtsort und Schutzraum werden (»The museum can also become a refuge and shelter.«). Wie das Museum selbst, sind Vitrinen und Kühlschränke, die hier mit Blumen oder Sandsäcken bestückt sind, Behältnisse des Bewahrens vor Zerstörung, vor Vergänglichkeit.

Pflanzen und Tiere stehen bei Akhavan für das menschliche Dasein. Das Fragment von Lamassu stellt eine Löwenklaue dar und verweist damit auf ein großes symbolisches Tier der Macht, Alchemie und Aufklärung. Wie der Löwe sind andere Tiere in der Ausstellung Sinnbilder für Verletzung und Missbrauch. Die Bandagen des Nashorns, dessen Horn abgesägt wurde, zeigen gleichsam Grausamkeit und Hilfsbereitschaft des Menschen. Das Hinnehmen des Aussterbens einer Tierart schwingt im Titel If the first metapher was an animal (2017) mit. Der Gesang der Affen, den sie bei Gefahr zur gegenseitigen Warnung einsetzen, wird zum Musikstück für ein Cello.

In den Künstlergarten der Villa Stuck setzt Akhavan eine neue Skulptur, die in Technik und Erscheinung Stucks neun Hermen mit den Porträts antiker Philosophen und Persönlichkeiten ähnelt. Das Gesicht dieser Gestalt ist jedoch nicht identifizierbar, da der Protagonist die Taube ist, die auf dem Kopf der Skulptur sitzt. Wasser, ein von Akhavan oft in seinen Werken verwendetes Element, tropft stetig in ein Becken - ein Fremdkörper im musealen Raum. Ein Brunnen ist auf der Terrasse des Künstlergartens platziert, der andere im Ausstellungsraum.

Akhavan schafft Metaphern und Sinnbilder, die zur Reflexion über Strukturen und Systeme, die Machtverhältnisse einschreiben, anregen. Dabei spielt er mit der Wahrnehmung und Erwartung des Betrachters. Oft muten seine Werke an, als wären sie dem realen Leben entsprungen. Dem Künstler gelingt es, in seinen fragilen Werken verschiedene Bedeutungsebenen zu schichten, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Sie werfen Fragen auf, die sich mit gesellschaftlichen Strukturen, Vergänglichkeit und Wertvorstellungen beschäftigen.