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RICOCHET #11. Hisako Inoue. Die Bibliothek der Gerüche

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Die antiquarischen Bücher sind mit ihren unterschiedlichen Gerüchen Sinnbild eines »gelebten Lebens« – im Sinne der animistischen Tradition Japans, des Glaubens an die Beseeltheit von Gebrauchs- und Alltagsgegenständen. Hisako Inoue sieht Parallelen zwischen Buch und Mensch und vergleicht den Verlauf eines menschlichen Lebens mit den Stationen einer Buchnutzung. In Zeiten der Digitalisierung und des e-books erscheint die Präsentation der engen Verbundenheit des Menschen zum gedruckten Buchs nostalgisch. Die Verbundenheit zeigt sich auch in den menschlichen Spuren, die durch Fingerabdrücke, eingelegte Fotos oder getrocknete Blumen in den Büchern hinterlassen wurden.

Hisako Inoue, die in Japan schon zahlreiche Ausstellungen mit Geruchsinstallationen realisiert hat, stellt der immer weiter voranschreitenden Desodorierung weiter Lebenssphären den authentischen Geruch des Alltagsgegenstandes Buch gegenüber. Versuchte man bereits im 18. Jahrhundert im Zuge der Entwicklung von Hygiene- und Reinlichkeitsstandards den öffentlichen Raum zu desodorieren, wurde daraus im 20. Jahrhundert ein Trend zur generellen Beseitigung von Alltagsgerüchen. Kosmetische und pharmazeutische Unternehmen entwickeln fortlaufend neue Duftstoffe, um verschiedene Alltagsgerüche zu verdrängen. Die ästhetische Bewertung von Gerüchen und die Wahl desodorierender Geruchspraktiken ändert die Wahrnehmung von Alltagsgerüchen grundlegend. Dies fördert die olfaktorische Intoleranz, die eine Kategorisierung in Geruchsloses bzw. Wohlriechendes als sauber, geordnet, schön und zivilisiert auf der einen Seite und in Stinkendes als Symbol des sozial Untergeordneten, Animalischen, Unzivilisierten und Schmutzigen auf der anderen Seite vornimmt. Die Geruchsbekämpfung in privaten wie öffentlichen Räumen und bei der Körperpflege ist in Japan besonders stark ausgeprägt. Neben Luftreinigern in Kinos werden in etwa der Hälfte aller japanischen Bibliotheken Buchreinigungsmaschinen eingesetzt, die die Bücher nicht nur reinigen und desinfizieren, sondern auch desodorieren.

Neben Druckverfahren und Papierzusammensetzung wirkt sich die menschliche Benutzung der Bücher auf den Geruch aus. Wie bei vielen anderen »geruchsbasierten« Künstlern vermittelt auch in Inoues Ausstellung ein naturwissenschaftlicher Ansatz die biologischen und chemischen Hintergründe der Gerüche. In enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaftlerin Dr. Mika Shirasu von der Universität Tokio wurden die Gerüche von Büchern analysiert – mittels einer gas-chromatografischen / massen-spektrometrischen Analyse. Dabei werden die Gerüche aufgetrennt und einzelne Komponenten identifiziert. Die repräsentativen Geruchsbestandteile der einzelnen Bücher werden in Netzwerkdiagrammen visualisiert. Die 18 Geruchskomponenten, die zur Geruchsqualität der präsentierten Bücher beitragen, sind in kleinen Glasfläschchen präsentiert, an denen die Besucherinnen und Besucher riechen können. Darunter Bornanon (Kampfer), Essigsäure, Borneol, Eukalyptol, Hexanal, Lilial, Linalool, Octansäure, Patchouli-Alkohol, Thymol und Vanillin. Die naturwissenschaftlichen Fakten tragen zu einem vertieften Verständnis des Geruchssinns bei und stehen dabei im Gegensatz zur individuellen Wahrnehmung von Gerüchen, die nicht nur sehr ephemer, sondern auch bei jedem Menschen individuell sehr unterschiedlich ist. Das Flüchtige der Gerüche wird auch durch die Soundinstallationen des Künstlers Takuro Shibayama verdeutlicht. Er stellt Geräusche von Handlungen mit Büchern akustisch dar: Geräusche aus Bibliotheken oder das Umblättern der Seiten in verschiedenen Gemütszuständen, die wiederum auf Erinnerungen und Gefühle verweisen, die von Gerüchen hervorgerufen werden.

Olfaktorische Kunst bezieht durch die Subtilität und das Ephemere des Materials den Rezeptions­prozess in die künstlerische Strategie mit ein. So wird der Besucher dieser Ausstellung aufgefordert, sein emotionales Gedächtnis zu aktivieren. Die Kommunikation der Besucherinnen und Besucher über individuelle Erfahrungen sieht Inoue als wesentlichen Bestandteil der Ausstellung, nicht zuletzt, um auch die Sprachferne als ein typisches Merkmal der Geruchswahrnehmung zu überwinden, die auch kulturhistorisch durch die lange Abwertung des Geruchssinns bedingt ist. Das spärliche Vokabular für Gerüche in der deutschen Sprache lässt Gerüche üblicherweise in Bezug auf den Gegenstand beschreiben, der den Geruch hervorbringt (es riecht nach Gras) oder auf deren emotionale Folgen (es riecht gut). In unserer von Visualität geprägten Gesellschaft birgt die Ausstellung die Chance, die Nase nicht nur zum Ein- und Ausatmen zu benutzen, sondern seinen Geruchssinn zu verfeinern und dadurch die eigene Umgebung neu zu entdecken.