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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

7. Oktober 2017 – 14. Januar 2018

RICOCHET #11
Hisako Inoue. Die Bibliothek der Gerüche

Im Rahmen der Reihe RICOCHET zeigt das Museum Villa Stuck die multisensorische Ausstellung »Die Bibliothek der Gerüche« der japanischen Künstlerin Hisako Inoue in den Historischen Räumen. Die Gerüche antiquarischer Bücher stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Inoue hat diese im Vorfeld in Antiquariaten, auf Flohmärkten oder in privaten Bücherregalen ausgewählt. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Buch auf olfaktorischer Ebene, losgelöst von visuellen oder inhaltlichen Werten, erscheint ungewöhnlich, ist doch das gedruckte Buch als Medium wertvoller Inhalte eng mit seiner Gestaltung verbunden. Die Bandbreite der präsentierten Bücher, darunter eine Bibel oder ein »Lustiges Taschenbuch«, zeigt die allgemeine Verbundenheit des Menschen mit dem Buch. Haptische, auditive und visuelle Eindrücke unterstreichen diese Beziehung zwischen Mensch und Buch.

Die Künstlerin lädt die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung zur Interaktion ein – erst ihre Teilhabe durch Riechen, Hören, Sehen und Tasten vervollständigt die Ausstellung. Ein wichtiges Merkmal der olfaktorischen Wahrnehmung ist ihre enge Verbindung mit Gefühlen und Erinnerungen. Gerüche werden im limbischen System aufgenommen, in dem sich die Hirnstrukturen befinden, die für Gefühle und Erinnerungen zuständig sind. Düfte triggern unser implizites Gedächtnis und können Gemütszustände aufrufen, die um vieles intensiver sind als die durch das Sehen und Hören geweckten. Wenn man einen bestimmten Geruch wahrnimmt, erinnert man sich auch an bestimmte Ereignisse, die sich zugetragen haben, die Forschung spricht in diesem Zusammenhang vom »Proust-Effekt«, dessen Bezeichnung auf die »Madeleine-Episode« aus Marcel Prousts Jahrhundertroman »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« Bezug nimmt. Hier löst der Geschmack des Gebäcks beim Erzähler neben Glücksgefühlen ein Erlebnis »totaler Erinnerung« aus, das von den Empfindungen aus Kindheitstagen erfüllt ist. Dieser Effekt betont den situativen und episodischen Charakter der Geruchserinnerungen, wodurch der gesamte Kontext, in dem ein Geruch einst wahrgenommen wurde, wieder wachgerufen wird. Auch Hisako Inoue dienen die Gerüche der Bücher als Kommunikationswerkzeuge für Gefühle und Erinnerungen.

In Japan gibt es eine traditionsreiche Geruchskultur, die weit zurückreicht. Inoue sieht sich in der Tradition der japanischen Duftzeremonie, eine weltweit einzigartige Form der Duftkultur, die unter dem Namen kōdō bekannt ist, was wörtlich übersetzt „Lauschen auf den Duft“ bedeutet. Dabei geht es um die olfaktorische Einführung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in eine Auswahl duftender Hölzer durch den Zeremonienmeister in kontemplativ-meditativer Stimmung. Im Zusammenhang mit kōdō erfolgt das Riechen nach einer speziellen Methode. Kōdō ist eine der drei klassischen japanischen Künste der Verfeinerung und dient der Vervollkommnung der olfaktorischen Wahrnehmung. Hisako Inoue bietet im Rahmen der Ausstellung Workshops an, in denen sie die Methode der Duftzeremonie anwendet. Ihre Geruchskunst sieht sie als Kommunikationsmodell, eine moderne Version der japanischen Duftzeremonie, die individuelle Erinnerungen und Assoziationen der Besucherinnen und Besucher wachruft und ins Gespräch darüber bringt.

Ein Anliegen Inoues ist es, den ansonsten vernachlässigten Geruchssinn in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Seit langem lässt sich die Missachtung und Abwertung des Geruchs feststellen. Bereits Immanuel Kant schrieb in seiner »Anthropologie in pragmatischer Hinsicht« von 1789 vom Geruchssinn als dem entbehrlichsten aller Sinne.

Hisako Inoue (geb. 1974) lebt und arbeitet in Yokohama, Japan. In ihren Ausstellungen legt sie großen Wert auf eine alle Sinne ansprechende Präsentation mit einem besonderen Schwerpunkt auf der olfaktorischen Wahrnehmung. Sie studierte an der Joshibi Universität für Kunst und Design in Kanagawa, wo sie seit 2004 auch als Dozentin tätig ist. Neben ihrer Lehr- und Ausstellungstätigkeit vermittelt sie in Geruchsworkshops Aspekte der Geruchskunst. 2016 war sie mit einem Stipendium im internationalen Künstlerhaus Villa Waldberta der Landeshauptstadt München. Seit 2006 bildet Hisako Inoue mit dem Soundkünstler Takuro Shibayama das Künstlerduo Airplug und seit 2013 arbeitet sie mit der Wissenschaftlerin Dr. Mika Shirasu zusammen, die Gerüche an der Universität Tokio analysiert.

In Zusammenarbeit mit Takuro Shibayama, Soundkünstler und Mika Shirasu, The University of Tokyo, ERATO Touhara Chemosensory Signal Project, JST
Eine Ausstellung des Museums Villa Stuck
Mit freundlicher Unterstützung des Internationalen Künstlerhauses Villa Waldberta der Landeshauptstadt München