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RICOCHET #12. Christian Hartard. Less Work for Mother

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Ausgangspunkt der in der Villa Stuck gezeigten Werkserie waren Recherchen des Künstlers zur Biographie einer Großtante, die 1940 Opfer der NS-Euthanasie wurde. Barbara (Babette) Hartard, geboren 1895 in der damals bayerischen Rheinpfalz, war nach ihrer Schulentlassung bei der Familie des königlich bayerischen Regierungsrates Otto Luxenburger in Speyer als Dienstmädchen in Anstellung gekommen und ging mit dieser 1910 nach München. Der etwa gleichaltrige Sohn der Familie, Hans Luxenburger, wurde später durch seine psychiatrische Zwillingsforschung zur genetischen Bedingtheit der Schizophrenie bekannt und war in der Weimarer und der NS-Zeit einer der führenden Eugeniker; als Mitarbeiter am heutigen Max-Planck-Institut für Psychiatrie war er ein Befürworter eugenischer Sterilisationen und anderer ›rassehygienischer‹ Maßnahmen.

Barbara zog schon 1912 zurück in die Pfalz und kam erst im Sommer 1924, psychisch bereits schwer erkrankt, wieder nach München. Ihre letzte Wohnadresse war die Pension Daser in der Galeriestraße 35, heute Unsöldstraße 13. Ende September 1924 wurde Barbara als geisteskrank in die Psychiatrische Klinik München, die heutige Universitätsklinik für Psychiatrie in der Nußbaumstraße, eingewiesen und im Oktober in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing (Haar) verlegt. Sie blieb fast sechzehn Jahre dort Patientin. Ihre Krankenakte hat sich erhalten. Sie endet am 3. September 1940. An diesem Tag wurde Barbara zusammen mit 120 weiteren Frauen in die kurz zuvor eingerichtete Vernichtungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz gebracht und wenige Tage darauf dort getötet.

Die Auslöschung ›lebensunwerten Lebens‹ im ›Dritten Reich‹ war die Pervertierung eugenischer Ideen, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland diskutiert wurden und bis heute nichts von ihrer Brisanz eingebüßt haben. Für die Nationalsozialisten waren die Euthanasiemorde, für die erstmals Gaskammern eingesetzt wurden, zugleich Experimentierfeld und Blaupause für das industrialisierte Töten im Holocaust.

Die Werke der Ausstellung versuchen bewusst nicht, dieses komplexe geschichtliche Feld oder ein individuelles Schicksal zu dokumentieren oder zu illustrieren. Sie bemühen sich vielmehr, offene Formulierungen für Grunderfahrungen von Angst, Verlust oder Versehrung zu finden. Dennoch gibt es Referenzen zum historischen Geschehen, sichtbare und weniger sichtbare, die den Faden von dort zu den künstlerischen Setzungen weiterspinnen: Maße und Materialwahl; Motive von Körperlichkeit und latenter Gewalt, Schmerz und möglicher Heilung; die kühle Atmosphäre eines von Apparaturen aufrechterhaltenen, abhängig gemachten Lebens.

Der Titel »Less Work for Mother« erhält vor dem thematischen Hintergrund der Ausstellung eine durchaus zynische Note. Auch er bezieht sich aber wieder auf ein Stück Familiengeschichte. »Less Work for Mother« war seit den 1930er-Jahren der Slogan der Horn and Hardart Co. in Philadelphia und New York, der seinerzeit größten US-amerikanischen Gastronomiekette. Mitgründer der Gesellschaft war ein entfernter Cousin Barbara Hartards, der 1850 in der Pfalz geborene und als Kind in die USA ausgewanderte Frank A. Hardart (Franz Anton Hardardt). Er etablierte das Markenzeichen des Unternehmens, die »Horn and Hardart Automats«: kellnerlose Restaurants, in denen sich die Kunden aus gläsernen, von der Rückseite her befüllten und gegen Münzeinwurf sich öffnenden Fächern selbst bedienen konnten. Die Mitarbeiter, die zum Betrieb der Automaten natürlich nach wie vor benötigt wurden, verschwanden hinter der scheinbar selbsttätigen Maschinerie, die das Produkt ihrer Arbeit präsentierte und zugleich den Menschen als Subjekt der Arbeit unsichtbar machte.