Die Ausstellung »Liquid Black« zeigt über vierzig Arbeiten des in Paris lebenden russischen Künstlers Andrei Molodkin (geb. 1966) und ist die erste große Übersichtsausstellung zu Molodkins Werk in Europa.
Nach seinem Studium am renommierten Stroganow-Institut für Kunst und Design in Moskau, schaffte Molodkin 2003 den künstlerischen Durchbruch. Seitdem stellt er seine Arbeiten international aus – so etwa auch 2009 auf der Biennale in Venedig – und beschränkt sich in seiner Erkundung geopolitischer Themen nicht mehr nur auf seine Heimat Russland. Mit seinen skulpturalen Objekten »Christ« (2005), »Madonna« (2005) und »Apollo's Head« (2004) nimmt Molodkin Bezug auf religiöse Motive wie auch auf antike Skulpturen. Darüber hinaus verwendet er Begriffe wie »Demokratie« oder »Das Kapital«, die – seiner Materialästhetik entsprechend – in Acrylglasblöcken eingefasst und mit Rohöl gefüllt sind, dem Rohstoff, der, wie kein anderer, ökonomische Zusammenhänge bestimmt und geopolitische Konflikte birgt. Seine parallel dazu entstehenden großformatigen Kugelschreiberzeichnungen gehen auf die politische und gesellschaftliche Faktographie ein.
Andrei Molodkins Arbeiten sind rigorose Auseinandersetzungen mit radikalen Techniken und technischen Erfindungen; er unterwirft dabei bestimmte, für den Osten wie für den Westen gleichermaßen erhebliche politische und kulturelle Fragen einer kritischen Untersuchung. Als Künstler nimmt er bewusst eine Rolle ein, in der er die Grenzen regionaler und nationaler Zusammenhänge überschreitet und als Kontroll- und Vermittlungsstelle zwischen russischer und westlicher kultureller und politischer Semantik fungiert.
In der Ausstellung wird ebenfalls Molodkins Installation »Sin Machine (Transformer No. VS566)« (2011) gezeigt, die im Museum Villa Stuck erstmals überhaupt der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Sie ist eine technisch komplexe Vorrichtung, bei der mit Öl gefüllte Tuben mit Neonröhren verbunden sind. Diese und auch andere Installationen und Skulpturen entstehen in einer Fabrik in Südfrankreich und knüpfen damit an den Grundsatz des russischen Produktivismus an, traditionelle Formen des Kunstschaffens durch die Arbeit mit industriellen Materialien abzulösen.
Die Auswahl der Arbeiten orientiert sich eng an den Gegebenheiten der Ausstellungsräume, an den zum Teil möblierten Privaträumen und dem Atelier des Münchener Künstlerfürsten Franz von Stuck. Die Ausstellung »Liquid Black« knüpft damit an frühere Ausstellungen in den Historischen Räumen mit Exponaten von Sol LeWitt, Donald Judd oder Dan Graham an, die sich mit der Architektur des Gesamtkunstwerks befassten und Anlass zu einer Gegenüberstellung und Auseinandersetzung mit Stucks Werken gaben.
Zur Ausstellung
Auf den ersten Blick sind Andrei Molodkins Arbeiten technisch hochkomplexe Apparaturen: Neonröhren in Acryltuben und mit Rohöl gefüllte Acrylröhren sind aneinander gekoppelt, Bilder wie auch Schriftzüge sind als Hohlformen in rechteckige Acrylblöcke eingeschlossen und werden als Negativformen mit Öl gefüllt, angeschlossen sind Schläuche, Pumpen und Kompressoren. Somit entstehen Installationen, die sich in ihrer Mechanik und Technik einer neuen Ästhetik öffnen.
Die Arbeiten werden in engem Austausch mit Technikern und Arbeitern in einer Fabrik in Südfrankreich gefertigt und knüpfen damit an den Grundsatz des russischen Produktivismus an, traditionelle Formen des Kunstschaffens durch die Arbeit mit industriellen Materialien abzulösen. Besonders augen-scheinlich wird dieses technische Moment in Molodkins Werk, das er eigens für das Alte Atelier entwickelt hat: »Sin Machine (Transformer No. VS566)« (2011) verbindet mit Öl gefüllte Tuben mit Neonröhren und bildet eine schwarz-weiße, offene Modulstruktur. Die Besucher können diese Anordnung in Form eines Kreuzes durchschreiten. Molodkins Absicht dabei ist es, das Bewusstsein des Besuchers zu radikalisieren. Stucks kreatives Zentrum, an sich ein bereits intensives Raumkonzept, verdichtet Molodkin noch einmal und entwirft eine Art Hochdruckkammer, in der sich künstlerische und seinem Werk immanente politische Bezüge ineinander auflösen und zu einem explosiven Gemisch werden.
Andrei Molodkins Arbeiten – eine faszinierende Mischung aus künstlerischer Vision und technischer Akribie – werden in der Ausstellung »Liquid Black« auch in den möblierten Wohnräumen Franz von Stucks gezeigt. Unmittelbar und direkt werden die Werke Molodkins mit den Historischen Räumen der Künstlervilla und den darin ausgestellten Gemälden Stucks konfrontiert. Damit knüpft die Präsentation an die Anfang der 1990er Jahre eingeleitete Serie von Ausstellungen an, in denen Künstler wie Sol LeWitt, Donald Judd oder Dan Graham sich jeweils mit Stucks Gesamtkunstwerk auseinandersetzten. In Molodkins Fall sind die Arbeiten, die von den Kuratoren für die möblierten Räume ausgewählt wurden, Stucks Malereien und Wandreliefs gegenübergestellt. Das beiden Künstlern gemeinsame Anliegen, antike und christliche Bildmotive neu zu kontextualisieren und groteske Darstellungen allgemeingültiger menschlicher Erfahrungen zu schaffen, wird hier herausgestellt. Molodkins durch »flüssiges Schwarz « gefärbte Plastiken verschmelzen mit Stucks dunklen, durch zahlreiche schwarze dekorative Akzente gekennzeichneten Interieurs und lassen diese gleichzeitig in einem neuen Licht erscheinen.
»Ein großer Teil von Molodkins eindeutig politischen Werken ist eine Antwort darauf, was der sowjetische Kritiker Osip Brik formalistisch die »Anforderungen der Zeitgenossenschaft« genannt hatte. Und so sind im Obergeschoss explizit politische Arbeiten Molodkins zu sehen – wie »Democracy« (2005), eine Arbeit, die durch den »arabischen Frühling« noch an geopolitischer Relevanz hinzugewinnt, sowie »Flag of Europe« (2008), eine mit Öl übergossene Fahne, die von der gescheiterten Utopie der Einigung Europas kündet. Ein Wirrwarr aus mit Öl gefüllten Schläuchen verbindet diese beiden Arbeiten mit der Skulptur »Das Kapital« (2008), einem Sinnbild des aktuellen Finanzkollapses und unserer gegenwärtigen finanziellen Krise. Die Videoinstallation einer enthaupteten Freiheitsstatue (»Liberty«, 2011), zeugt von den die Meinungsfreiheit »einschränkenden Maßnahmen«, die nach dem 11. September verhängt wurden.« (Margarita Tupitsyn, Victor Tupitsyn)
Einen unmittelbaren Bezug zur Kunst der russischen Avantgarde stellt Molodkin mit seiner Version von Malewitschs »Schwarzem Quadrat« von 1915 her. Im ehemaligen Schlafzimmer Mary Stucks ist in gleich drei Versionen diese Ikone neu interpretiert: Ein Gemälde, schwarzer Kugelschreiber auf weiß grundierter quadratischer Leinwand, zitiert die »Gitterstäbe« von »Transformer« gleichermaßen wie die Gitterstäbe des »Käfigs«, in welchem der russische Unternehmer und Kremlkritiker Michail Chodorkowski während seines Prozesses im Gerichtssaal saß. Zwei weitere schwarze Quadrate Molodkins sind wiederum hochkomplexe technische Installationen, die zum Einen mit Neonröhren auf Dan Flavin Bezug nehmen, zum Anderen mit Acryltuben und -blöcken, die mit Rohöl gefüllt sind, einmal mehr auf die geopolitische Bedeutung des Rohstoffs verweisen.
Den einzelnen Werken und Installationen werden Molodkins akribische wie raffinierte Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe gegenüber gestellt. Im Gegensatz zur Produktion von Molodkins Installationen entstehen diese Zeichnungen während Atelierklausuren in Mischtechnik auf Papier wie auch auf »gehobenen« Materialien wie Leinwand unter Anwendung einer »trivialen« Kugelschreibertechnik.
Katalog
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Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Kehrer-Verlag mit Texten von Margarita Tupitsyn und Victor Tupitsyn sowie mit einem Interview mit dem Künstler, deutsch/englisch, Festeinband, 144 Seiten mit über 130 Abbildungen in Farbe, ISBN: 978-3-86828-317-4